Weil ja derzeit in allen möglichen Ländern auf der Welt ernsthaft darüber debattiert wird, ob man Kindern und Jugendlichen die Teilnahme an sozialen Medien verbieten sollte, dachte ich mir, ich beleuchte einmal einen Aspekt, der vielleicht der Allgemeinheit nicht so bekannt ist; zumindest habe ich niemanden darüber schreiben sehen. (Es kann sein, dass ich weitere ähnliche Postings hier absetzen werde, weil ich mir zum Thema Entwicklung des Internet und Auswirkungen auf die Gesellschaft in letzter Zeit recht viele Gedanken gemacht habe.)
Ich nehme den geneigten Leser einmal mit auf eine Zeitreise in eine längst vergessene Zeit, in der sogar Facebook und YouTube noch Zukunftsmusik waren und an Instagram, Snapchat und TikTok noch niemand hätte denken können: in die frühen 2000er.
Damals war ich selbst weniger als 10 Jahre alt und fand eines Tages (ich weiß nicht mehr, wie) im Internet die Website www.kindernetz.de. Deutschsprachige Websites, deren Zielgruppe Kinder waren, gab es damals nicht gerade wie Sand am Meer, daher hat mir das gleich gut gefallen (überhaupt hat mir damals alles gut gefallen, was irgendwie durch Computer ermöglicht oder verbessert wurde, weswegen ich etwa zehn Jahre später als junger Erwachsener dann ein Informatikstudium abgeschlossen habe) …
Wenn man heute auf diesen Link klickt, fällt einem nicht auf, worauf ich hinauswill, schließlich besteht die Site ja heute nur aus ein paar statischen Artikeln und Links zu Videos (ich schätze, die Idee ist, dass die per Suchmaschine gefunden werden), was hat denn das mit sozialen Medien für Kinder zu tun?
Nun, über die Wayback Machine können wir einen Einblick darin gewinnen, wie ich das damals vorgefunden habe: https://web.archive.org/web/20020929153307/http://www.kindernetz.de/
Wenn wir dort ein wenig weiter hineinklicken, finden wir, was es damals gab: https://web.archive.org/web/20030622104016/http://www.kindernetz.de/quasselbude/foren/forenindex.main
Ein öffentlich-rechtliches, vom Südwestrundfunk betriebenes, Internetforum, dessen Zielgruppe spezifisch Kinder waren!
In anderen Worten: Seit ca. 2003 hat sich die Welt von einer entwickelt, in dem der Staat selbst ein “soziales Medium” für Kinder betreibt (!!!), zu einer Welt, in der Staaten rund um den Globus Kindern verbieten wollen, die “sozialen Medien”, die es heute gibt, zu verwenden.
Jetzt ist es natürlich so, dass man hinter dem obigen Link eh sieht, dass das damals gerade ein paar hundert Beiträge hatte. Den heutigen Erwartungen und technischen Gegebenheiten würde es zweifellos nicht mehr entsprechen. Dennoch: es hat existiert, und etwas Ähnliches, angepasst an die mittleren 2020er (sprich: auf jeden Fall mit Smartphone-Apps), könnte doch auch heute wieder existieren, ganz ohne Werbung und damit einhergehende gewinnorientierte manipulative Designs!
Ich war irgendwann in dieser Zeit (weiß nicht mehr genau, wann) ebenfalls ein registrierter Benutzer jenes Forums und habe ein paar wenige Beiträge geschrieben, bevor ich (ich schätze einmal, typisch für Kinder) das Interesse daran verloren habe; soweit ich mich erinnere, waren damals die meisten anderen Benutzer auch schon etwas älter als ich.
Ich bin kein Experte für Pädagogik oder Kinderpsychologie und kann daher nicht sagen, was man tun müsste, damit Kinder das gerne verwenden, sie daraus vielleicht auch pädagogischen Nutzen ziehen (zumindest bin ich der Auffassung, dass Teilnahme an Internetforen die Fähigkeit, schriftlich zu kommunizieren, massiv fördert, und wir schon deshalb alle dafür sein sollten, dass Kinder dies tun) und vielleicht sogar eher davon in den Bann gezogen werden als von TikTok oder Snapchat oder Instagram. Aber es gibt Experten für diese Themen, die man da natürlich mitreden lassen sollte.
Gibt es irgendeinen guten Grund, warum nicht wieder ein öffentlich-rechtliches “soziales Medium” (Internetforum bzw. Plattform für solche) für Kinder betrieben werden kann, so wie es schon einmal gemacht wurde? Dafür müsste man genau 0 (in Worten: null) Verbote und Regulierungen einführen; TikTok und Instagram und so weiter können daneben weiterhin unbehelligt existieren. Man müsste es nur machen, es würde wahrscheinlich nicht einmal viel kosten!
Nur so als Denkanstoß. Vielleicht bewirke ich damit ja etwas.
Dieses Posting ist hiermit unter Creative Commons Zero lizenziert.
Kleiner Einwand: Der ÖRR ist nicht der Staat. Er soll gerade durch die Rundfunkgebühren unabhängig vom Staat sein. Ob das vollständig der Fall ist, ist eine andere Diskussion, aber es ist definitiv kein Staatsfunk, eher Bürgerfunk da er von uns allen bezahlt wird.
Er existiert aufgrund staatlicher Gesetze und seine Organisationsform ist aufgrund staatlicher Gesetze vorgegeben, diese könnten ihn auch wieder abschaffen; ich halte ihn daher für einen Teil des Staates, auch wenn für einen unabhängigen.
Das halte ich allerdings für ein sehr kleines Detail an der Sache. ;)
Hmm, ich glaube, das haupte Ding, das dem Erfolg einer sollcher Webseite heute hindern würde, wäre (wie bei anderen Alternativen zu den mainstream sozialen Netzwerken) der Network-Effekt. Vielleicht wenn die mainstream Netzwerken den Minderjährigen gesperrt würden, würde es sie zu solchen Alternativen treiben. Oder wenigstens, wenn sie sich dort wegen der Schule/usw. ein Konto machen müssten.
Und ja, ich fände auch ein lokalisiertes und von Non-Profits betriebenes Modell der sozialen Netzwerken besser als das, was wir jetzt haben. Das Probem ist jedoch, dass solange dass es eine komerzielle Alternative gibt, die damit Geld verdient, dass sie der non-profit Konkurenz die Benutzer aussaugt, werden die non-profit Netzwerken nie erfolgreich sein. Weil sie dieselbe Inzentive – sich die Benutzer zu behalten/anzunehmen – schlicht nicht haben.
Vielleicht wenn die mainstream Netzwerken den Minderjährigen gesperrt würden, würde es sie zu solchen Alternativen treiben.
Gerade das würde ich gerne verhindern. Ich bin der festen Überzeugung, dass es grundsätzlich für Kinder und Jugendliche gut ist, im Internet zu sein, daran mitzuwirken und dort Gemeinschaften zu finden, ich selbst habe das meiste, was mich heute ausmacht, in dem Alter über das Internet entdeckt. Sogar noch mehr bin ich der festen Überzeugung, dass jegliche staatliche Regulierung des Internets (und verpflichtende Altersverifikation ist eine solche) es nur schwieriger macht, bessere Alternativen aufzubauen.
Oder wenigstens, wenn sie sich dort wegen der Schule/usw. ein Konto machen müssten.
Das wäre tatsächlich eine Idee. Oder zumindest könnte man dort dafür Werbung machen, z.B. auf von der Schule ausgegebenen Geräten entsprechende Apps installieren.
Finde den Denkanstoß super .
Ich frag mich aber, ob ein Projekt das nicht auf den miesen Algorithmen beruht mit insta tiktok und co mithalten kann, eben weil die süchtig machenden Algorithmen fehlen. Wenn man beide apps parallel haben kann, wird man vermutlich 2x täglich in die “gute” APP schauen und weiter stundenlang in der “bösen” scrollen…
Das ist aber kein Gegenargument es nicht anzubieten, ich frag mich nur wie viel man erwarten könnte.
Ich war als (etwas älteres) Kind und Jugendlicher sehr viel in traditionellen Webforen unterwegs, in denen es keine Empfehlungsalgorithmen gab, sondern nur chronologisch sortierte Diskussionen.
Ich hab das sehr viel interessanter gefunden, es hat mich viel länger gefesselt, als die heutigen kommerziellen “sozialen Medien”, bei denen ich großteils nach ein paar Minuten fertig bin und merke, dass nichts Interessantes mehr passiert. Vielleicht liegt es daran, dass ich älter und reifer geworden bin, aber ich glaube eher, dass echte, authentische Gespräche mit Gleichgesinnten mich einfach an sich mehr fesseln als Dinge, die ein Algorithmus für mich ausgesucht hat.
Davon abgesehen würde ich natürlich wollen, dass ein staatlich finanziertes soziales Netzwerk auch offene APIs hätte. Das heißt, man könnte dafür auch Apps für GNU/Linux-Smartphones und vielleicht sogar “Seniorenhandys” (sofern diese halt zumindest WLAN haben) bauen, auf denen die kommerziellen Apps gar nicht laufen (manche Eltern würden sich vielleicht dann dafür entscheiden). :P




